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Berichte

Reisen – ja mit den Naturfreunden   

 

Man braucht nur die NF-Zeitschrift aufzuschlagen und man hat die Wahl: Wandern, Bergsteigen, sportliche Fortbildung aber auch Reisen für Senioren  .

 

Fritz und Rosemarie Renold von der NF-Region Glattal/Winterthur schlagen eine Reise in das Baltikum vor. Interessant!

Ich habe nur noch vage Erinnerungen aus dem schulischen Erdkundeunterricht:  Ostsee – Kurische Nehrung – Haff – Memel und so ähnliches. Dortige politische und kulturelle Aktualitäten sind weit entfernt von unseren hiesigen – aber warum diese nicht kennenlernen wollen?

Wir sind 27 neugierige Reisende die am 24.8. voller Erwartung in Tallin (Estland) via Riga ankommen.

Am Flughafen werden wir mit Blumensträusschen von Adrian dem dortigen Verantwortlichen der Reisegesellschaft, sowie unserer Reiseführerin Katrin empfangen, unser Chauffeur erwartet uns bereits im Autocar zu einer kurzen Stadtrundfahrt in der historischen Hansestadt Tallin ehe wir uns im Hotel installieren und wir dann mit Regenschirm zu Fuss zum Abendessen in ein typisches Kellerlokal aufbrechen. Wir erfahren die Geschichte Estlands und Tallin, eine der schönsten Hanse-städte im Ostseeraum aus dem 12. Jahrhundert. Dänen, Schweden, Russen und nicht zuletzt die Deutschbalten beeinflussten während 700 Jahren die Geschicke des Landes und der Stadt. Mit fast 500‘000 Einwohnern wurde Tallin (ehemals Reval) von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Besichtigung verschiedener Kirchen und Museen brachte uns ebenfalls die Umgebung Tallins geschichtlich näher sowie eine Wanderung zur Vogelbeobachtung auf der Halbinsel Paljassaare mit Erklärungen von Adrian über seine dort damit verbundene Tätigkeit.

Estland, ein kleines Land mit ca. 1,4 Mio Einwohnern, besitzt landschaftliche und geschichtliche Kleinode die uns Katrin sehr bildlich nahebrachte: Wanderung im Hochmoor bei Dauerregen in dem Lahemaa-Nationalpark, und zum Meeresstrand mit den eiszeitlichen Geschiebefelsen nahe der russischen Küste. Ein anderes Thema waren die Gutshöfe aus der Zeit der Deutschbalten. Deren Geschichte ausführlich beschreiben, führe hier zu weit. Kurz gesagt, Nazideutschland beorderte die deutsche Bevölkerung heim ins Reich, die örtliche Bevölkerung konnte nur kurz das Land bearbeiten ehe dann Deportationen und Verwüstung durch die Russen stattfanden. Erst seit der Wende in den 80er Jahren konnten die Gehöfte vom Staat, aber auch von Privaten, restauriert und neuen Bestimmungen zugeführt werden. Während unserer Fahrt Richtung Tartu entlang des Peipus-Sees – Grenze zu Russland – machte uns Katrin mit den dort lebenden Ethnien (oft russischer oder religiöser Tradition) bekannt. Wir stellen fest, dass die estländische Bevölkerung trotz ihrer verschiedensten Herkünfte (Altgläubige, russisch-orthodox u.a.) ohne Probleme zusammen lebt. Die Universitätsstadt Tartu und Umgebung bezeugt dies auch durch typische alterhaltene Bauweisen.

Inzwischen besserte sich auch das Wetter und nach ausführlicher Besichtigung der Universitätsstadt Tartu geht die Fahrt weiter über Setumaa, Land der Setu, einer den Esten verwandten orthodox ethnischen Minderheit. In dem Museum in Värska wohnen wir einem in traditionellem Kostüm vor-geführten Volkstanz bei. In Richtung Lettland  besteigen wir den Eierberg mit seinem Turm der uns einen weiten Blick über das Wald- und Weidegebiet erlaubt. Übernachtung und Abendessen in Cesis ehe wir dann eine grössere Wanderung im Gauja-Nationalpark entlang des gleichnamigen Flusses mit seinen Höhlen, überhängenden Felsen,  Burgen und Schlössern, davon im Besonderen  die Burganlage Turaida mit Skulpturengarten usw. unternehmen.

RIGA – Herz des Baltikums beschäftigte uns der neue Tag: Eine spannende Führung durch die Hanse-stadt, des Doms aus dem 13.Jahrhundert, der Jugendstilhäuser sowie ein Ausflug an das Seebad Jurmala, berühmt durch den 30 km langen flachen Sandstrand, bis 1914 bevorzugter Sitz der russischen Aristokratie und der deutsch-baltischen Intelligenz. Leider konnten nur einige von uns ein leichtes Fussbad in der See nehmen, dagegen mischten wir uns abends unter die fröhliche in den Strassen feiernde Stadtbevölkerung von Riga.

Ein Halt auf der Weiterfahrt durch Südlettland machte uns auf ein besonderes Denkmal aufmerksam: Inmitten des Flachlandes erhob sich ein Hügel mit tausenden Kreuzen, zur Erinnerung an ihre nach Sibirien deponierten Landsleute seit Jahrzehnten immer wieder dort aufgestellt. Alte verwitterte wie auch neue Kreuze mit polnischen, russischen, jüdischen und einheimischen Inschriften sollen an diese Leiden erinnern.

Der Besuch des Barockschlosses Rundale mit Spaziergang durch den Rosengarten, bekannt als „Versailles des Baltikums“, erbaut im 18. Jh. als Sommerresidenz des Herzog E.J .von Biron, Günstling der Zarin Anna, zeugte dann von der Macht der damaligen Besitzer. Der Tag endete mit einem Stadtrundgang durch Klaipeda (dt. Memel), wichtigste Hafenstadt Litauens die von 1252 bis Ende des 1.Weltkrieges zu Ostpreussen gehörte mit ca. 50 % deutscher Bevölkerung. Wahrzeichen der Stadt ist das „Ännchen von Tharau“. Wir versuchten das uns allen bekannte Volkslied zu singen, aber unsere veralteten Schulkenntnisse brachten die Strophen nicht zusammen.

Einer der Höhepunkte unserer Reise war sicher der Aufenthalt in der Kurischen Nehrung. Die Fähre brachte uns mit Bus ab Klaipeda über das Haff in diese durch Sanddünen entstandene Landzunge mit Grenze zu der russischen Enklave Kaliningrad, zu unserer Familienherberge nach Nida (dt. Nidden). Waldspaziergänge und Dünenbesteigungen mit Weitsicht erbringen uns durch diese einzigartige Natur neue Kenntnisse und es ist nicht verwunderlich dass sich dort Anfang des 20. Jh. bekannte deutsche Künstler wie Max Pechstein aufhielten oder Thomas Mann, dessen Sommerresidenz, heute zum Museum ausgebaut, wir besichtigen konnten.

Unser nächstes Ziel war die Festungsstadt Kaunas. Festung aus der Zeit der deutschen Ordensritter erlitt auch diese Stadt im Laufe der Jahrhunderte russische, polnische und preussische Besetzungen. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die in einer wunderschönen Seenlandschaft gelegene Wasserburg Trakai. Rekonstruiert beherbergt sie eine historische Ausstellung über die Grossfürsten des Mittel-alters.

VILNIUS – Endziel dieser Reise. Eine mehrstündige Stadtführung macht uns ausführlich mit der mittelalterlichen Barockstadt aus dem 14. Jahrhundert bekannt. Hier haben wir Zeit für persönliche Unter-nehmen. Vilnius ist bekannt für seine jüdische Geschichte weshalb ich auf Suche von Spuren derselben gehe. Auf meine Frage warum das Thema nicht im Reiseprogramm aufgeführt wird, wurde mir geantwortet, die baltische Bevölkerung wolle mit ihren Reiseangeboten vor allem auf die eigene erlebte und noch kaum geschriebene Geschichte aufmerksam machen. Katrin, unsere Reiseführerin, hat dies ausgezeichnet gemacht. Tatsächlich waren viele Details aus der baltischen Geschichte mir und sicher noch mehreren Mitreisenden unbekannt. Vieles wäre noch zu erzählen, vieles ist noch zu erfahren, zu besichtigen. Drei schöne Länder, mit viel natürlicher ursprünglicher Landschaft, warten auf Besucher aus Europa – europäische Atmosphäre ist hautnah spürbar, trotz multikultureller Bevölkerung.

Die Reise hat mir gefallen, vieles hab ich nicht erwähnt oder durch die Vielfalt des Erlebten vergessen zu erwähnen aber ich danke, dass mir diese Reise durch die Naturfreunde ermöglicht wurde.

Elly Ravay           Amis de la Nature - Section de Nyon

 

2019  Naturfreunde Winterthur