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Berichte

Der rote Faden im Leben von André

Was hat dich in der Jugend geprägt?

Ich war in bescheidenen Verhältnissen im Lötschental aufgewachsen. Neben der Schule war ich täglich als Ministrant tätig und musste bereits als Bub beim „Holz ziehen“ in den Bergen Hand anlegen. Dabei gab es auch Arbeitsunfälle, so verlor ich einen Finger und wegen einem zerschnittenen Fuss musste ich ½ Jahr liegen. Lesend verschlang ich in dieser Zeit viele Bücher. Meine Mutter war eine weise Frau und vertrat die Meinung: „Wenn Probleme auftauchen in der Familie, spricht man es z´Bode, so lernt man das andere begreifen und kann dann auch verzeihen. Es ist enorm wichtig, den Frieden zu haben miteinander.“ Oft hatte ich mit dem erzkonservativen Pfarrer unseres Dorfes Wortgefechte, denn ich stellte vieles in Frage, war so quasi der ungläubige Thomas. Ich wollte studieren und Priester werden, darum besuchte ich während 2 ½ Jahren das Institut der Klostergemeinschaft der Marianisten in der Nähe von Fribourg. Das war für mich eine unendlich wertvolle Zeit. Unter anderem lernte ich zu meditieren - mir Fragen zu stellen, zu überlegen, pro und kontra abzuwägen und Sachen diplomatisch vorzubringen. Nach reiflichem Überlegen änderte sich mein Berufswunsch und ich begann mit 18 Jahren in Baden die Lehre als Schriftsetzer.

War es schwierig für dich selber Verantwortung zu tragen?

Um meine Schul- und Ausbildung zu finanzieren musste ich mich bei meiner Familie und mit einem Bank-Darlehen verschulden. Da ich Kargheit kannte, fiel es mir nicht schwer, bescheiden zu leben. Regelmässig meldete ich mich am Wochenende für die Mahlzeiten ab und besorgte mir die Verpflegung in der Migros. Daneben betätigte ich mich abends im Kino als Platzanweiser. Bereits bei Lehrabschluss konnte ich den Eltern fast den ganzen Betrag für die anderen Geschwister zurückgeben.

Einmal wöchentlich besuchte ich den Turnverein und leistete mir dann ein Bier. Daneben ging ich z`Berg, übte mich im Freistielringen und wurde sogar Zürcher- und Lausanner Meister in meiner Gewichtsklasse. Schön war, dass ich auch internationale Kämpfe bestreiten durfte.

Wie fandest du den Weg zu den Naturfreunden?

Bis anhin waren Frauen immer gute Arbeits- und Sportkolleginnen für mich gewesen. Dann erzählte mir meine Schwester, sie hätten eine nette Oesterrei-cherin in ihrem Geschäft, die auch z`Berg gehe. Die erste gemeinsame Bergtour führte uns auf den Kärpf. Hertha war die Frau für mich. Ich war 33 als wir heirateten. Sie war bereits Mitglied bei den Naturfreunden der Sektion Winterthur. Ich wurde dort dann rasch „Vortragsminister“, war anschliessend 15 Jahre Präsident und arbeitete später auch im Kantonal- und Zentralvorstand mit. Oft war es im Umgang mit meinen Mitmenschen hilfreich, dass ich gelernt hatte, klar, respektvoll und doch diplomatisch zu reagieren.

Meiner Frau und mir wurden ein Sohn und eine Tochter geschenkt. Daneben lebten Hertha und ich mit und für die Sache der Naturfreunde. Schmerzhaft, dass sie bereits im Januar 2018 starb.

André, du bist jetzt 86ig, was beglückt oder erfüllt dich heute?

Dass ich die Frau hatte! Ich bin glücklich über unsere beiden Kinder, sie sind pflichtbewusst und wir haben einen guten Kontakt. Die drei Grosskinder machen mir viel Freude, gerne möchte ich noch ein wenig bleiben um zu sehen wie sie gross werden. Ich bin ein stiller Geniesser, wenn ich die Jüngste - in ihr Spiel versunken – beobachte. Noch heute ist die Meditation „mein Werkzeug“, um Sachen auf den Grund zu gehen und andere oder anderes besser zu verstehen.

Ich hatte ein reiches, gutes Leben: Voller Freude, Unglück, Liebe und Leid.

2019  Naturfreunde Winterthur